Krötentest
Alle Jahre wieder...
Es ist wie ein Wunder: Jedes Jahr exakt zur selben Zeit, in der ersten Märzwoche, kommen sie wieder zurück aus dem Winter und richten sich zu Massen in unserem Gartenteich ein: Es ist Krötenwanderzeit und jeder Lurch, der einmal aus Laich und Kaulquappe heranwuchs und den Weg in die freie Natur gefunden hat, kehrt Jahr für Jahr zurück, genau in dieselbe Kinderstube, in der er aufgewachsen ist. Wir freuen uns immer wieder an diesem Naturschauspiel vor unserem Eßzimmerfenster! Und manchmal erinnere ich mich:
Als junge Praktikanten in unserer Lehrapotheke hatten wir die Aufgabe, männliche Kröten (Bufo vulgaris) einzusammeln. Eine einfache Aufgabe: Zur Laichzeit wurde in einem Teich nach dem aufsitzenden, klammernden Exemplar gegriffen – es ist das Männchen. Das ganze Jahr über haben wir die Kröten dann in einem Terrarium gehalten: Es gab täglich leckere Mehlwürmer und frisches Wasser. Wozu aber der ganze Aufwand in einer Apotheke?
Es gab damals noch keine immunologischen Testverfahren zur Schwangerschaftsfrüherkennung wie heutzutage. Unsere Apotheke führte den biologischen „Krötentest“ durch, der früher üblich war: Der Morgenurin einer vermeintlich Schwangeren wurde einer Kröte in den Bauchraum injiziert. Nach einigen Stunden ließen wir die Kröte „klammern“, was den Samenerguß dann hervorrief, wenn eines der spezifischen Schwangerschaftshormone (Choriongonadotropin) in der Urinprobe enthalten war. Konnten wir unter dem Mikroskop Spermien nachweisen, war die Probe positiv!
Der Test war aufgrund unseres Terrariumbestandes das ganze Jahr über möglich, außerdem für die Krötenmännchen wenig belastend - eigentlich im Gegenteil: Bei jedem neuen Test überlegten wir jungen Praktikanten, welchem Männchen wir nun diesmal das besondere Vergnügen gönnen sollten...
von Dr. Jürgen Wrede
